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2005.08.19 – Gelb bebändert unterwegs
Buchkritik "Die Wanderhure"
Die wohl behütet aufgewachsene Bürgerstochter Marie wird von ihrem Bräutigam verraten, von dessen Helfershelfern missbraucht und aus ihrer Heimatstadt Konstanz verstoßen. Sie muss sich forthin als Wanderhure – gelbe Bänder an ihren Gewändern kennzeichnen sie für jedermann als "Hübschlerin" – verdingen, um zu überleben. Der Gedanke, sich an ihren Peinigern irgendwann rächen zu können, hilft ihr, den Fährnissen einer Geächteten zu trotzen. Das Konzil zu Konstanz eröffnet Marie schließlich die Möglichkeit, unerkannt in ihre Heimatstadt zurückzukehren.
Die Autorin weiß ihre Leser zu fesseln, langweilt zu keiner Zeit oder wird nie langatmig. Leider fehlt es dem Roman etwas an Stimmung. Viel hätte es dazu nicht gebraucht: Allein die Verwendung der mittelalterlichen Schreibweise der Handlungsorte, anstelle der heute gebräuchlichen, würde dem Leser die Versetzung in die Vergangenheit vor 600 Jahren erleichtern. Andererseits ist es so ist leichter, die meisten Handlungsorte auf einer aktuellen Landkarte wiederzufinden.
Iny Lorentz schafft es, dank ihrer knappen Darstellungen, dass die Schilderungen von schrecklichen und abstoßenden Szenen niemals ins Widerwärtige abgleiten. Ihr Mann Elmar zeigt unter anderem für die Recherche verantwortlich. Die Geschichte ist überzeugend in einen historischen Rahmen eingefasst. So muss Marie auch der Verbrennung des böhmischen Reformators Jan Hus beiwohnen. Der Reiz des Romans liegt insbesondere darin, etwas über die – oft unwürdigen – Sitten des Mittelalters zu erfahren. Das Buch verlockt, sich näher mit der nicht immer rühmlichen Konstanzer (Kirchen-)Geschichte zu befassen – und kann daher mehr als nur eine Ferienlektüre sein.
Nikolaj Schutzbach
Iny Lorentz: "Die Wanderhure". Roman. Verlag Knaur, München. ISBN 3-426-62934-8. 624 S. 8,95 €. Als Hörbuch auf 6 CDs in einer gekürzten Lesung bei Lübbe, Bergisch Gladbach, zwei verschiedenen Ausgaben erschienen.